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Wenn neun Referenten
von verschiedenen politischen Parteien, Verbänden und Schulen auf
einem Podium sitzen und sich fast ausnahmslos einig sind, dass
etwas schiefläuft, dann ist das schon ungewöhnlich. Und wenn
gleichzeitig mehr als 300 Eltern, Lehrer und Erzieher aus dem
Landkreis trotz Schneetreibens in einer kalten Aula zusammenkommen
und sich nach drei Stunden fast ausnahmslos einig sind, dass etwas
schiefläuft, dann müssten diejenigen, um die es geht, das
eigentlich als Gradmesser dafür nehmen, dass schleunigst etwas zu
ändern ist.
So gesehen hat die Podiumsdiskussion in der Laufer Bertleinaula über
die Einführung des achtstufigen Gymnasium und das Vorziehen des
Einschulalters auf fünf Jahre, zu der der Kreisverband Nürnberger
Land des Bayerischen Elternverbandes am Montag eingeladen hatte,
ein sehr klares Ergebnis gebracht. Auch wenn diejenigen, die dem
Auditorium Rede und Antwort standen, dies mangels Informationen
aus München nur bedingt tun konnten.
„So nicht Frau Hohlmeier“ lautete dennoch die Botschaft des
Abends und die fand Eingang in Unterschriftenlisten, die in diesen
Tagen ans Kultusministerium gehen und in einer Resolution, die
einen Aufschub des Projektes G8 fordert.
Die wichtigsten Positionen und Kritikpunkte des Abends: Christina
Diener, CSU: Die Kreisrätin hatte am Montagabend einen schweren
Stand und wurde von vielen Seiten attackiert. Als Vertreterin der
CSU hatte sie die Entscheidung des Kultusministeriums zu
verteidigen, ohne nach eigenem Bekunden Details der G8 zu kennen,
weil diese erst im Februar bekannt geben werden. Diener warb aber
dafür, die Entscheidung nicht als Gefahr, sondern als Chance zu
sehen, die Gymnasien zu reformieren und sich dadurch in Sachen
Bildung „an die Spitze zu stellen“. Sie betonte, die G8 sei
nicht „erst seit gestern da“, sondern von langer Hand geplant.
Gemessen an den Veränderungen, die bereits in diesem Schuljahr
durch die Neugestaltung des Lehrplanes an den Gymnasien
eingetreten seien, seien die zu erwartenden Änderungen durch die
G8 nicht so gravierend, meinte die Politikerin. Auch könne man
nicht von einer reellen Verkürzung der Schulzeit von neun auf
acht Jahre sprechen, da die 13. Jahrgangsstufe durch die Abitur-Prüfungen
im Frühjahr bereits deutlich verkürzt sei. Auch sei geplant,
weitere zehn Prozent der Lehrinhalte zu kürzen. Die Gefahr, dass
es 2012 vor allem für Hauptschüler große Probleme auf dem
Lehrstellenmarkt geben wird, weil dann zwei Jahrgänge
gleichzeitig die Gymnasien verlassen, sieht die CSU-Politikerin
nicht. „Die meisten Abiturienten drängen an die Unis und nicht
in eine Ausbildung.
Thomas Beyer, SPD: Der Landtagsabgeordnete des Nürnberger Landes
ist kein Gegner der G8 generell, kritisiert aber, dass zum gegenwärtigen
Zeitpunkt keine gesicherten Erkenntnisse aus den Modellversuchen
vorliegen und die Schüler, die jetzt im Herbst in die 5. Klasse
der G8 eintreten, in einen „Großversuch“ entlassen werden.
Der SPD-Mann fordert einen einjährigen Aufschub für das Vorhaben
G8. In diesem Jahr müssten sich alle Beteiligten zusammensetzen
und eine praktikable Lösung erarbeiten. „Ohne die Konsultation
der Eltern und Lehrer lehne ich die G8 ab“, so Beyer. Der
Aussage Christina Dieners, es habe im Vorfeld eine Abstimmung des
Kultusministeriums mit den Bildungverbänden gegeben, widersprach
Beyer, „es gab keine Abstimmung, das war einzig eine
Entscheidung des Kultusministeriums“.
Rüdiger Baron, Bündnis90/Grüne: Für den Grünen-Politiker ist
die G8 generell machbar, die Entscheidung wie sie aussehen soll
und was die Lehrpläne beinhalten, müsse aber „von unten nach
oben und nicht von oben nach unten“ getroffen werden. So wie sie
jetzt angedacht sei, mit mehreren Nachmittagen Unterricht, aber
ohne pädagogisches Gesamtkonzept, sei die G8 die
„Horrorvorstellung“ dessen, was die Grünen in Bayern
eigentlich befürworten: Nämlich die Einführung von
Ganztagsschulen, und zwar mindestens einer pro Landkreis.
Ingo Schamberger, stellvertr. bildungspolitischer Sprecher der
FDP: Der FDP-Mann kritisierte, dass Gymnasiasten zu viel
Spezialwissen anhäufen, während ihnen Wissen um Zusammenhänge
oft fehlt. Eine Umgestaltung der Lehrinhalte, wie im Zuge der G8
angedacht, sei deshalb generell richtig. In der Form, wie sie bis
jetzt in Modellversuchen liefe, sei die G8 aber eine Schulform für
Hochbegabte und könne nicht auf das gesamte Schulsystem übertragen
werden. Sonst käme es zu einer verstärkten Auslese. Schamberger
sprach auch die Vereinsarbeit an. Diese sei, wenn an drei
Nachmittagen pro Woche Unterricht sei, in Gefahr.
Engelhardt Grötsch: Der Schulleiter des CJT-Gymnasiums in Lauf
sieht nur zwei Wege, wohin die Entscheidung für das G8 führt,
wenn die Zahl der Unterrichtsstunden von 265, die von der
Kultusministerkonferenz einst festgelegt wurde, statt auf neun auf
acht Jahre verteilt wird: „Entweder die Anforderungen steigen
oder die Qualität sinkt“. Große Einsparpotentiale an den
Inhalten des Lehrplanes sieht Grötsch nicht mehr. Der neue
Lehrplan, der seit diesem Schuljahr in Kraft ist, sei nach den
bisherigen Erfahrungen nicht wie behauptet, um 50 Prozent des
Inhalts geschrumpft, sondern um 50 Prozent des Seitenumfangs:
„Es wurden Inhalte rausgenommen und neue kamen hinzu“. Den
Schulleiter plagen vor allem die organisatorischen Probleme, die
eine Einführung der G8 im „Hauruck-Verfahren“ mit sich
bringt: Statt 200 würden sich durch den Nachmittagsunterricht an
manchen Tagen 500 oder 600 Schüler an der Schule tummeln, „die
müssen ja irgendwie versorgt werden“. Der Schulleiter
fordert deshalb ebenfalls einen Aufschub der G8, „es braucht
Zeit für Gespräche mit den Eltern und auch mit den
Sachaufwandsträgern, das geht nicht von heute auf morgen“. Als
Beispiel für eine gelungene Schulreform nannte Grötsch die Einführung
der Kollegstufe in den 60er Jahren. Dort seien alle Betroffenen am
Entwicklungsprozess beteiligt gewesen.
Klaus Wenzel, Bayerischer Lehrer und Lehrerinnnenverband: Für den
bekannten Reform-Pädagogen aus Schnaittach liegt die Schlüsselfrage
in der aktuellen Debatte nicht in der Einführung der G8, sondern
in der geplanten Einschulung der Kinder bereits mit 5 Jahren. Dort
müsse man ansetzen und fragen, ob das sinnvoll ist und wohin der
Weg gehen soll. Erst wenn dieses Fundament stehe, könne überhaupt
über die G8 entschieden werden. Derzeit wird in diesem
Zusammenhang für Wenzels Geschmack zu sehr „quantitativ und zu
wenig qualitativ diskutiert“. Auch an den Gymnasien gebe es
sicher noch Lehrinhalte, die man streichen könne, diese seien,
von Ausnahmen abgesehen, noch immer zu sehr Lehranstalt: „Wir
brauchen aber lernende Schulen“ so der Pädagoge, der sich
bekanntermaßen auch dafür einsetzt, dass die Entscheidung für
eine weiterführende Schule nicht schon in der 4. Klasse getroffen
werden muss.
Margit Alfes, Kreisverband Nürnberger Land des Bayerischen
Elternverbandes: Margit Alfes fordert wie Wenzel ein
Gesamtbildungskonzept vom Kindergarten bis zum Abitur.
Gleichzeitig warnt sie davor, dass Einschulalter auf fünf Jahre
vorzuziehen. Umfragen im Nürnberger Land hätten ergeben, dass 90
Prozent der Eltern das nicht wollen, „wo bleibt der
Elternwille“? Die Sprecherin des Elternverbandes ist ebenfalls
gegen die Einführung der G8 zum jetzigen Zeitpunkt, „Kinder dürfen
keine Versuchskaninchen sein“.
Jonas Lanig, Gewerkschaft Erziehung und Wissen: Als „politisch
unanständig“ bezeichnete Lanig es, dass die CSU das Projekt G8
nach den Landtagswahlen beschlossen habe. Auch er sei nicht
generell gegen das G8, fordere aber, ähnlich wie bei der Einführung
der Kollegstufe, vorab eine intensive Diskussion mit allen
Beteiligten. Das Argument, dass Bayern ohne die G8 bald das
Schlusslicht in Deutschland sei, gelte schon deshalb nicht, weil
der Freistaat jahrzehntelang ganz bewusst eine andere Schulpolitik
als die meisten anderen Bundesländer gemacht habe und darauf
sogar stolz gewesen sei. Sollte das also nicht richtig gewesen
sein? Lanig sieht in der Entscheidung des Kultusministeriums
vielmehr eine klare Entscheidung für ein „Elitegymnasium“.
Das bewiesen auch die Erfahrungswerte der Modellversuche mit dem
G8: Nach denen würden nur noch ein Viertel der Gymnasiasten den
Abschluss schaffen.
Karl-Heinz Aschenbrenner, Bayer. Philologenverband: Generell gegen
die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist der Vertreter
des Philologenverbandes. Wenn der Stoff wie angekündigt tatsächlich
um insgesamt 60 Prozent gekürzt werde, „was bleibt dann noch
vom Gymnasium“, fragt Aschenbrenner. Und wenn die Stoffmenge
gleich bleibe, sei es sicher, dass künftig deutlich weniger Schüler
Abitur machen. Dem Kultusministerium warf Aschenbrenner außerdem
vor, eine Mogelpackung auf den Markt zu bringen: So sei zu hören,
dass im Rahmen des G8 über die Einführung einer „nullten“
Stunde nachgedacht wird, die vor dem eigentlichen Unterricht
stattfinden soll. So wolle man den Nachmittagsunterricht begrenzen
Damit hätten die Kinder bis 13 Uhr sieben Unterrichtsstunden und
müssten noch früher anfangen. „Was das in ländlichen Regionen
bedeuten würde, kann sich jeder vorstellen“.
Stellungnahmen aller politischen und gesellschaftlichen Kräfte
also an diesem Abend, die mit Ausnahme der CSU-Vertreterin
allesamt die Entscheidung für das G8 als Schnellschuss
beurteilen, der bei einer Einführung im Herbst zu großen
Problemen führen wird. Allein es gibt keine gesicherten
Erkenntnisse, wie die G8 tatsächlich aussehen wird, auch das
machte die Expertenrunde am Montagabend deutlich, die der
Journalist Georg Escher kompetent moderiert hatte. Viele Ängste,
viele Befürchtungen und viele Gerüchte kursieren, das war auch
an den Reaktionen der Eltern, Lehrer und Erzieher im Publikum zu
sehen, die sich mit zahlreichen Stellungnahmen und Fragen zu Wort
meldeten.
Eines war dabei klar zu erkennen: Niemand will die G8 zum
kommenden Schuljahr und viele Eltern, Erzieher und Lehrer lehnen
ein Vorziehen des Einschulalters auf fünf Jahre kategorisch ab.
Eines der Hauptargumente: Die Einführung der G8 und das Vorziehen
des Einschulalters führt dazu, dass die Kinder keine Zeit mehr
haben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, weil sie nur noch mit
dem Lernen von Fakten beschäftigt sind und keine Zeit für die
Mitgliedschaft in einem Verein oder auch für das bloße Spielen
und Nichtstun bliebt. „Die Kindheit ist doch schon so kurz“,
sagte eine Mutter und erntete dafür viel Beifall.
Auch Zeit zum Wiederholen von Stoff, befürchten viele Eltern,
bleibt nicht mehr, wenn das G8 kommt, stattdessen müssten die
Kinder, wenn sie um 16 oder 17 Uhr aus der Schule kommen, noch
Hausaufgaben machen. Dass damit eine stärkere Auslese komme, sei
vorhersehbar. Etliche Eltern beklagten in diesem Zusammenhang
auch, dass der Druck jetzt schon so hoch sei, weil sie in der 4.
Klasse eine Entscheidung für ihr Kind treffen müssen, die die
gesamte weitere Entwicklung bestimmt. „Das ist viel zu früh“,
so eine Stimme, die viel Beifall bekam.
So also der Tenor im Auditorium, in dem es noch viele andere
Sorgen gab: Die der Erzieherinnen und der Lehrer, die sich fragen,
wie sie eigentlich künftig bei noch weiter steigenden
Anforderungen arbeiten sollen und die der Vereine, die ihre
Jugendarbeit den Bach runtergehen sollen, wenn am Nachmittag keine
Treffen oder Trainings mehr möglich sind. Und doch stellen sich
die meisten Betroffenen nicht stur, eine Vorschulklasse
beispielsweise, könnte sich der überwiegende Teil der Abwesenden
vorstellen, ebenso eine generelle Reform des Schulwesens.
Doch wie Vorschläge machen, wenn die Fakten noch nicht bekannt
sind? Dennoch versuchten die Referenten am Montag, eine Art
Resolution auf den Weg zu bringen, die Wege aufzeigt, wie es gehen
könnte. Und die fiel wiederum ziemlich einmütig aus: Das G8 ja,
aber mit mehr Vorlauf und unter Einbeziehung aller Beteiligten in
die Diskussion. Keine Eliteschule für wenige, sondern Erhalt der
Schule und damit der Chancen für Kinder aus allen Schichten. Und
mehr Budget für die Schulen und kleinere Klasse, kurz ein
Schulsystem, bei dem der Schüler im Mittelpunkt steht und nicht,
wie es Thomas Beyer treffend sagte, die „ökonomisierte
Bildung“.
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