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Die Dorfgemeinschaft Münzinghof
hatte prominenten Besuch: Bundesministerin Renate Schmidt - zuständig für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend - machte sich ein Bild von der
Einrichtung, in der erwachsene Männer und Frauen mit geistiger
Behinderung zusammen mit ,normalen" Menschen harmonisch in
Familienverbänden leben. ,Ich glaube, dass das, was Sie hier machen, eine
vernünftige Alternative zur herkömmlichen Heimunterbringung ist",
sagte die SPD-Politikerin zum geschäftsführenden Vorstand Hans-Werner
Lossen.
Münzinghof liegt abgeschieden in
herrlicher Juralandschaft. Von Raitenberg bei Velden führt ein zwei
Kilometer langes, kurvenreiches Stichsträßchen hin. Seit 1978 gibt es
hier die ,Dorfgemeinschaft", die behinderten Menschen ein möglichst
normales Leben mit vielfältigen Sozialkontakten, Freizeitangeboten und -
was keineswegs selbstverständlich ist - Arbeit ermöglichen will. Dazu
wurden sieben Wahlfamilien gebildet, in denen acht bis neun Behinderte mit
ihrer Betreuerfamilie, Zivildienstleistenden und Praktikanten
zusammenleben.
,Wir gelten als vollstationäre
Einrichtung. Das führt dazu, dass jemand raus muss, wenn er keine so
intensive Betreuung mehr braucht. Er verliert dann seinen Familienverband,
seine Heimat", bedauert Lossen. Sein Wunsch an die Ministerin: ,Die
strikte Dreiteilung in stationär, teilstationär und ambulant sollte
aufgegeben werden zugunsten anderer Konzepte. Wir möchten hier auch
ambulante Angebote machen."
Renate Schmidt bedauerte, dass
gerade in Bayern die individuelle Pflege Hilfebedürftiger unter
Finanzierungs-Diskussionen und Bürokratie leide. ,Da bleiben die Menschen
auf der Strecke." Gemeinsam mit Sozialministerin Ulla Schmidt wolle
sie einen ,Runden Tisch Pflege" einrichten, der sich mit sinnvollen
Pflegeformen und Bürokratieabbau befasst.
,Für bestimmte Menschen braucht
man stationäre Einrichtungen, sie sollen aber nicht die Regel sein. Hilfe
für Behinderte soll auch teilstationär und ambulant geleistet
werden", meinte Renate Schmidt. Eine Gemeinschaft wie Münzinghof, in
der so genannte behinderte und normale Menschen zusammen leben und
gemeinsam den Alltag gestalten, sei eine gute Sache. Ambulante Angebote hält
die Ministerin für sehr sinnvoll - nicht nur wegen des Kostendrucks im
Pflegebereich. ,Sie entlasten Menschen, die behinderte Familienangehörige
betreuen."
Die prominente Nürnbergerin
bedauert, dass Tod, Krankheit und Pflegebedürftigkeit für Gesellschaft
und Politik oft nur Randthemen sind. ,Das können wir uns künftig nicht
mehr leisten." 8,7 Millionen pflegebedürftige Menschen gebe es in
Deutschland. ,Davon haben nur etwa 300000 eine Behinderung von Geburt
an. Die anderen haben sie im Lauf ihres Lebens erworben, durch Unfälle,
Krankheit oder zunehmendes Alter." Behinderung könne jeden treffen,
jederzeit.
Renate Schmidt war beeindruckt
von der Dorfgemeinschaft und von der Herzlichkeit und Offenheit der
Menschen, die hier leben. Die idyllische Lage Münzinghofs habe Vor-und
Nachteile, meinte sie. Die Abgeschiedenheit führe zu einer Isolation und
erschwere die Integration Behinderter in der Bevölkerung. Lossen bestätigte
dies. ,Vor 25 Jahren war das aber so gewollt."
Mit dabei war Landtagsvizepräsident
Dr. Helmut Ritzer. Auch er hatte ein offenes Ohr für Lossens Anliegen.
Kleine Episode am (Straßen-) Rand: Wenige Kilometer vor dem Ziel fuhr
seine Dienstlimousine einen Platten. Ein Polizeiauto kam vorbei, mit dem
Hersbrucker Inspektionschef Richard Kraus und einem Kollegen. Die
Uniformierten sollten den Fahrweg der Ministerin sichern. Nachdem der
Radwechsel schon fast beendet war, konnten sie sich auf psychische
Pannenhilfe beschränken: ,Es macht nichts, wenn sie ein paar Minuten später
nach Münzinghof kommen, die Ministerin ist auch nicht ganz pünktlich."
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