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Attraktive Alternative zum Pflegeheim  (HZ 30.8.03)


Die Dorfgemeinschaft Münzinghof hatte prominenten Besuch: Bundesministerin Renate Schmidt - zuständig für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - machte sich ein Bild von der Einrichtung, in der erwachsene Männer und Frauen mit geistiger Behinderung zusammen mit ,normalen" Menschen harmonisch in Familienverbänden leben. ,Ich glaube, dass das, was Sie hier machen, eine vernünftige Alternative zur herkömmlichen Heimunterbringung ist", sagte die SPD-Politikerin zum geschäftsführenden Vorstand Hans-Werner Lossen.

Münzinghof liegt abgeschieden in herrlicher Juralandschaft. Von Raitenberg bei Velden führt ein zwei Kilometer langes, kurvenreiches Stichsträßchen hin. Seit 1978 gibt es hier die ,Dorfgemeinschaft", die behinderten Menschen ein möglichst normales Leben mit vielfältigen Sozialkontakten, Freizeitangeboten und - was keineswegs selbstverständlich ist - Arbeit ermöglichen will. Dazu wurden sieben Wahlfamilien gebildet, in denen acht bis neun Behinderte mit ihrer Betreuerfamilie, Zivildienstleistenden und Praktikanten zusammenleben.

,Wir gelten als vollstationäre Einrichtung. Das führt dazu, dass jemand raus muss, wenn er keine so intensive Betreuung mehr braucht. Er verliert dann seinen Familienverband, seine Heimat", bedauert Lossen. Sein Wunsch an die Ministerin: ,Die strikte Dreiteilung in stationär, teilstationär und ambulant sollte aufgegeben werden zugunsten anderer Konzepte. Wir möchten hier auch ambulante Angebote machen."

Renate Schmidt bedauerte, dass gerade in Bayern die individuelle Pflege Hilfebedürftiger unter Finanzierungs-Diskussionen und Bürokratie leide. ,Da bleiben die Menschen auf der Strecke." Gemeinsam mit Sozialministerin Ulla Schmidt wolle sie einen ,Runden Tisch Pflege" einrichten, der sich mit sinnvollen Pflegeformen und Bürokratieabbau befasst.

,Für bestimmte Menschen braucht man stationäre Einrichtungen, sie sollen aber nicht die Regel sein. Hilfe für Behinderte soll auch teilstationär und ambulant geleistet werden", meinte Renate Schmidt. Eine Gemeinschaft wie Münzinghof, in der so genannte behinderte und normale Menschen zusammen leben und gemeinsam den Alltag gestalten, sei eine gute Sache. Ambulante Angebote hält die Ministerin für sehr sinnvoll - nicht nur wegen des Kostendrucks im Pflegebereich. ,Sie entlasten Menschen, die behinderte Familienangehörige betreuen."

Die prominente Nürnbergerin bedauert, dass Tod, Krankheit und Pflegebedürftigkeit für Gesellschaft und Politik oft nur Randthemen sind. ,Das können wir uns künftig nicht mehr leisten." 8,7 Millionen pflegebedürftige Menschen gebe es in Deutschland. ,Davon haben nur etwa 300000 eine Behinderung von Geburt an. Die anderen haben sie im Lauf ihres Lebens erworben, durch Unfälle, Krankheit oder zunehmendes Alter." Behinderung könne jeden treffen, jederzeit.

Renate Schmidt war beeindruckt von der Dorfgemeinschaft und von der Herzlichkeit und Offenheit der Menschen, die hier leben. Die idyllische Lage Münzinghofs habe Vor-und Nachteile, meinte sie. Die Abgeschiedenheit führe zu einer Isolation und erschwere die Integration Behinderter in der Bevölkerung. Lossen bestätigte dies. ,Vor 25 Jahren war das aber so gewollt."

Mit dabei war Landtagsvizepräsident Dr. Helmut Ritzer. Auch er hatte ein offenes Ohr für Lossens Anliegen. Kleine Episode am (Straßen-) Rand: Wenige Kilometer vor dem Ziel fuhr seine Dienstlimousine einen Platten. Ein Polizeiauto kam vorbei, mit dem Hersbrucker Inspektionschef Richard Kraus und einem Kollegen. Die Uniformierten sollten den Fahrweg der Ministerin sichern. Nachdem der Radwechsel schon fast beendet war, konnten sie sich auf psychische Pannenhilfe beschränken: ,Es macht nichts, wenn sie ein paar Minuten später nach Münzinghof kommen, die Ministerin ist auch nicht ganz pünktlich."